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Mittelalterliche Kinderspiele

HEMA GLOSSAR
Mittelalterliche Kinderspiele. 


Die hier vorgestellten Spiele lassen sich alle bis in das Mittelalter und zum Teil weit darüber hinaus zurückverfolgen. Wir haben natürlich keine Kenntnis darüber, ob sie auch in unserer mittelalterlichen Siedlung gespielt worden sind, wie wir ja auch keine Kenntnis über die Bevölkerungsstruktur dieser Siedlung haben. Nach dem Fund eines Fragments einer Kinderklapper zu urteilen, lebten hier auch Kinder, das würde ja auch der üblichen Bevölkerungsstruktur eines Dorfes entsprechen. Andere Spielzeugreste wie Puppen, tönerne Pferdchen und dergleichen, die für diese Zeit anderswo nachgewiesen sind, wurden hier leider nicht gefunden.
Viele der hier vorgestellten Spiele, z.B. Murmelspiele, wurden sowohl von Kindern als auch von Erwachsenen gespielt; dagegen waren z.B. Rollenspiele, d.h. die Nachahmung von Tätigkeiten Erwachsener, reine Kinderspiele. Anzumerken ist, daß die Kinder spätestens mit sieben Jahren schon richtig mitarbeiten mussten, also viel früher in das Arbeitsleben ein-traten als heute. Auch die Spielregeln können im Laufe der Zeit Veränderungen erfahren haben, da anders als bei Spielbrettern, Spielsteinen und Abbildungen von Spielen z.B. auf Grabsteinen die Regeln selten überliefert sind.


Brettspiele (Mühle, Kriegs-und Jagdspiele)

Von diesen Spielen gibt es zahlreiche Varianten. Das Grundprinzip ist es, drei Spielsteine in eine Reihe zu bekommen.
Der bisher älteste Fund eines Mühle-Spielplanes stammt von einem bronzezeitlichen Begräbnisplatz in Cr Bri Chualam / Wicklow in Irland. In Dachziegeln eines ägyptischen Tempels in Kurna, erbaut um 1300 v. Chr., wurden ebenfalls Mühle-Spielpläne gefunden. Aus der Zeit des Mittelalters finden sich im Kreuzgang des Klosters Chorin zwei Gewändesteine, in die ebenfalls der Spielplan eines Mühlespiels und eines Alquerquespiels eingeritzt sind. Diese Aufzählung ließe sich noch fortsetzen. Es wurden auch eine größere Anzahl von Spielsteinen gefunden, die aber nicht eindeutig einem bestimmten Spiel zugeordnet werden können. Deshalb verwenden wir bei unseren Spielen ganz einfache Spielsteine.
Eine der ältesten Varianten des Mühlespiels ist das im Mittelalter sehr verbreitete Spiel mit je drei Steinen auf einem Plan mit neun Feldern, das unter den Namen Kleine Mühle, Nullen und Kreuze, Three Men´s Morris, Tic Tac Toe bekannt ist. Spielpläne dieser Varianten findet man u.a. in den Kirchstühlen englischer Kathedralen wie der von Canterbury, oder gar der Westminster Abbey eingeritzt.
Spielregel: Auf die neun Felder des Spielplans werden von den Spielern abwechselnd die Spielsteine gesetzt. Sind alle Spielsteine gesetzt, dürfen die Steine auf jedes benachbarte freie Feld geschoben werden. Gewonnen hat, wer zuerst seine drei Steine in einer Reihe hat, wobei jede Reihe, auch die diagonale, gilt.
Eine andere Variante ist die besonders von römischen Legionären verbreitete Rund- oder Radmühle. Der Spielplan weist ebenfalls neun Felder auf, von denen acht auf einem Kreisumfang und ein Feld im Mittelpunkt des Kreises angeordnet sind.
Spielregel: Jeder Spieler hat drei Steine, die abwechselnd auf ein freies Feld gesetzt werden. Nach dem Setzen werden die Steine geschoben. Auch hier hat gewonnen, wer als erster eine Mühle, bei der ein Stein das mittlere Feld besetzen muss, zustande bekommt.
Auch die am meisten bekannte Variante, die Neunermühle oder Nine Men`s Morris oder einfach nur Mühle, ist bereits seit der Bronzezeit bekannt. Das Spielfeld weist 24 Felder auf, jeder der zwei Spieler hat neun Spielsteine.
Spielregel: Die Steine werden abwechselnd auf ein beliebiges freies Feld des Spielplanes gesetzt. Wer schon beim Setzen eine Mühle, d.h. drei Steine in einer Reihe erhält, kann dem Gegenspieler einen Stein wegnehmen, aber nicht aus einer geschlossenen Mühle. Sind alle Steine gesetzt, wird abwechselnd gezogen. Man versucht eine Mühle zu bilden oder den Gegenspieler am Aufbau einer Mühle zu hindern oder eine Mühle zu schließen, um dem Gegenspieler einen Stein abzunehmen. Sobald ein Spieler nur noch drei Steine hat, darf er auf jedes beliebige freie Feld springen. Verloren hat, wer nur noch zwei Spielsteine hat.
Auch die Spielpläne der Alquerque - Spiele, das sind Belagerungs- und Jagdspiele - lassen sich schon im alten Ägypten nachweisen. Sie waren im Mittelalter sehr beliebt. König Alfons X. von Spanien verglich sie in seinem 1283 erschienenen Buch über die Spiele mit dem Schachspiel, weil man sie mit Verstand spielen muss:

Fuchs und Gänse Spielregel: Von zwei Spielern ist einer der Fuchs (ein Spielstein), der andere übernimmt die Gänse (17 Spielsteine). Die Gänse besetzen die in der Zeichnung angegebenen Felder. Sie können nur vorwärts und seitwärts ziehen, aber nicht schlagen. Der Fuchs beginnt von dem in der Zeichnung angegebenen Feld. Er kann nach allen Richtungen ziehen und durch Überspringen schlagen. Die Gänse haben gewonnen, wenn der Fuchs in einem Feldabschnitt so eingeschlossen ist, daß er nicht mehr herauskommt; der Fuchs dagegen hat gewonnen, wenn er soviel Gänse geschlagen hat, dass sie ihn nicht mehr blockieren können.

Ritterspiel

Spielregel: Von zwei Spielern übernimmt einer die beiden Ritter, der andere die 24 Angreifer. Die Angreifer besetzen die sechs Außenfelder der vier Kreuzarme, die beiden Verteidiger werden auf zwei beliebige Punkte der Burg (Mittelfeld) gestellt. Die Verteidiger dürfen springen und schlagen. Es besteht Schlagzwang. Die Angreifer dürfen nach allen Richtungen ziehen, aber nicht springen und schlagen. Die Belagerer haben gewonnen, wenn die Verteidiger blockiert sind, die Verteidiger, wenn sie soviel Angreifer geschlagen haben, dass sie nicht mehr blockiert werden können.

Kugelspiele

Auch die Kugelspiele haben eine alte Tradition. Sie wurden zunächst mit runden Naturprodukten wie Nüssen, Äpfeln, Woll-knäueln oder sogar mit Eiern gespielt. Dazu gehört auch das aus der Römerzeit bekannte Deltaspiel. Das Spielfeld ist ein gleichschenkliges Dreieck, daß von der Basis ausgehend in 10 gleich breite, von 1 - 10 numerierte Felder unterteilt ist. Das, kleinste, oberste Feld erhält die Zahl 10. Spielregel: Zwei oder mehr Spieler. Jeder erhält fünf Nüsse gleicher Farbe. Aus einer Entfernung von ca. 2 m müssen nun die Nüsse so in das Feld gekullert werden, dass sie in einem numerierten Feld liegenbleiben. Dessen Zahl ent-spricht der mit dem Wurf erreichten Punktzahl. Die mit fünf Würfen erreichten Punktzahlen werden zusammengezählt. Wer die meisten Punkte hat, ist Sieger.

Nüsse kullern

Das Spiel ist von einem römischen Sarkophagrelief überliefert. Es wurde aber auch bis in die heutige Zeit in ländlichen Gegenden gespielt. Spielregel: Die Teilnehmer, zwei oder mehr, erhalten jeder zehn Walnüsse. Der Reihe nach lässt jeder Spieler eine Nuss auf der schiefen Ebene nach unten rollen. Trifft er dabei die Nuss eines anderen Spielers, so kann er beide nehmen. Wer keine Nüsse mehr hat, scheidet aus. Gewonnen hat, wer zum Schluss als einziger noch Nüsse besitzt.

Chastelet, Nuces Castellatae, Schlösschen, Nüsse schiessen

Ein Hinweis auf dieses Spiel findet sich auf einem römischen Sarkophagrelief. Auch später scheint es gespielt worden zu sein, denn es fehlt auch nicht bei den von Bruegel d. Ä. im 16. Jh. abgebildeten Kinderspielen.
Spielregel: Fünf Häufchen von Walnüssen, wobei immer auf drei Walnüssen eine vierte liegt, werden in unterschiedlichen Entfernungen von einer Abwurflinie (2, 3 oder 4 m) aufgebaut. Jeder Spieler erhält fünf Walnüsse und muss versuchen, mit diesen Nüssen die fünf Häufchen auseinander zu treiben. Gewinner ist, wer die meisten Häufchen zerstört hat.

Murmeln, Klicker, Picker, Schneller, Marbel oder Schusser


Spiele mit Kugeln kamen bereits in der Antike vor, aber sie sind auch von vielen Naturvölkern bekannt. Mit Murmeln spielen ja manchmal auch noch die heutigen Kinder. Wir stellen hier nur wei Spiele vor, es ist gut möglich, dass der Besucher noch andere Murmelspiele kennt.

Zielmurmel


Spielregel: Ein Mitspieler legt eine Murmel ein bis zwei Meter von einer Startlinie ab. Die Mitspieler müssen nun versuchen, von der Startlinie aus eine Murmel so auf die abgelegte Murmel zuzurollen, daß sie diese berührt. Trifft keiner die Murmel, muss jeder dem Besitzer der Murmel eine Murmel abgeben.

Schusserspiel

Spielregel: Auf einem ebenen, aber nicht glatten Boden wird eine etwa 1 Meter lange Schusserbahn angelegt. Am Ende dieser Bahn befindet sich eine kleine Mulde von etwa 10 cm Durchmesser. Die Spieler versuchen nun, von einer Startlinie aus ihre Murmel in die Mulde zu rollen. Falls die Murmel nicht in die Mulde rollt, sondern auf der Bahn liegen bleibt, ist der nächste Spieler dran. Wer seine Murmel zuerst in der Mulde hat, hat gewonnen. Hat keiner die Mulde getroffen, beginnt die nächste Runde. Hierbei versucht jeder Spieler mit dem Zeigefinger, die Murmel so anzustossen, dass sie in die Mulde rollt.

Meilenspiel

Dieses Spiel ist seit dem 13. Jh. nachweisbar. Es kam im 18. Jh. aus der Mode. Der Name ist aus der französischen Bezeichnung dieses Spieles jeu du mail (gebildet aus malleus für Hammer) abgeleitet.
Spielregel: Mit dem Hammer soll die Holzkugel vom Startpunkt durch das am Ende des Feldes befindliche Tor getrieben werden. Dafür sollen möglichst wenige Schläge benötigt werden.

Geschicklichkeitsspiele

Hopse, Hüpfspiel

Der Ursprung dieses Spieles liegt vermutlich in vorrömischer Zeit. Möglich, dass es zunächst gar kein Kinderspiel war, sondern eine kultische Bedeutung hatte. Darauf weisen nach Ansicht von Wissenschaftlern auch die Namen Himmel und Hölle hin und auch der Name Tempelhüpfen, unter dem das Spiel an vielen Orten bekannt ist. Spielregel: Der Spieler wirft einen flachen Stein oder einen Scherben in das Feld 1. Dann hüpft er auf einem Bein auf das Feld 1 und versucht dabei den Stein mit dem Fuß in das Feld 2 zu schubsen. Vom Feld 2 gelangt er auf die gleiche Weise auf das Feld 3 und von dort hüpft er so auf die Felder 4 und 5 , dass das linke Bein auf dem Feld 4, das rechte Bein auf dem Feld 5 steht. Dabei muß der Stein mit einem Fuß in das Feld 6 geschubst werden, auf das wieder nur mit einem Bein gehüpft wird. Vom Feld 6 muß der Stein direkt in den Himmel gestoßen werden. Das Feld 7, die Hölle, muß übersprungen werden, in dem Himmel kann man mit beiden Beinen zugleich aufkommen. Im Himmel kann kurz Rast gemacht werden, dann wird wieder zurückgehüpft. Bei einem Fehler kommt der Nächste an die Reihe. Fehler sind: Wenn mit dem Fuß eine Linie berührt wird, der Stein nicht in dem vorgesehenen Feld landet oder wenn der Spieler die Hölle berührt. Auch hier sind natürlich Abweichungen und ganz andere Regeln möglich.

Stelzenlaufen

Stelzen sind zum Fortbewegen auf überschwemmten Wiesen erfunden worden. Wer das erste Mal auf Stelzen gelaufen ist und wann, ist unbekannt. Aber bereits im antiken Griechenland liefen die Darsteller der ziegenbeinigen Satyre und des Pan auf Stelzen. Irgendwann haben auch die Kinder Gefallen an dieser Fortbewegungsart gefunden. Spielregel: Ein Spieler läuft den anderen voran. Diese müssen die gleichen Bewegungen und Schritte ausführen wie der Vorläufer. Man kann aber auch einen Wettlauf zwischen den Teilnehmern durchführen.

Steckenpferdrennen

Auf einer Vase aus römischer Zeit ist ein Knabe mit Steckenpferd dargestellt, ein Beleg dafür, dass es sich hierbei auch um ein schon vor dem Mittelalter bekanntes Spiel handelt.
Spielregel: Mehrere Spieler starten nebeneinander und rennen, die Steckenpferde zwischen den Beinen, über den Parcours zum Ziel.

Fladenessen

Dieses Spiel ist nach Ansicht von Historikern ein Rudiment eines urzeitlichen Rituals. Es zählt zu den Geschicklichkeitsspielen und lehrt Geduld zu üben und Erfolglosigkeit mit Würde und Gelassenheit hinzunehmen.
Spielregel: Der Spieler muß versuchen, die von der Schnur herabhängenden Gegenstände (Fladen, Kirschen, Kekse u.ä.) nur mit dem Mund wegzuschnappen ohne die Hände zu Hilfe zu nehmen.

Reifenspringen

Das Reifenspringen hat eine alte Tradition und wurde erst im 16.Jh. vom Seilspringen abgelöst.
Spielregel: Der Spieler hält den Ring mit beiden Händen, Handstellung etwa bei 10 und 2 Uhr. Er führt ihn zum Boden und springt in den Ring hinein. Danach führt er ihn hinter seinem Rücken über den Kopf wieder nach unten. Dieser Vorgang wird so schnell und so oft wie möglich wiederholt.

Reifentreiben

Es ist nicht bekannt, wann mit dem Reifentreiben begonnen wurde. Bekannt ist eine Abbildung aus dem 16.Jh. auf einem flämischen Kalender. Spielregel: Der Reifen wird mit einer Hand angerollt und dann mit einem Stock oder der Handfläche weiter bis zum Ziel getrieben.

Ringelstechen

Das Ringelstechen ist aus den mittelalterlichen Ritterturnieren hervorgegangen. Spielregel: Nach einer Anweisung aus dem 17.Jh. darf jeder Spieler dreimal anlaufen. Er muß dabei versuchen, seine Lanze in den Ring zu stechen. Sieger ist, wer den Ring am häufigsten getroffen hat.

Wurfspiele

Moberle

Dieses Spiel gehört zu den Wurfspielen. Eine erste Erwähnung stammt aus Frankreich aus dem Jahr 1347. Es war nicht nur ein Kinderspiel, sondern es wurde auch von Erwachsenen gespielt und öfters auch verboten.
Spielregel: Ein fingerdickes kurzes Stäbchen wird auf den Baumstumpf so gelegt, dass ein möglichst großes Teil über die Auflagefläche herausragt. Mit einem Schlagholz schlägt man kräftig auf das überstehende Ende, damit das Stäbchen in einem weiten Bogen wegfliegt. An diesem Spiel können beliebig viele Spieler teilnehmen. Gewonnen hat der, dessen Hölzchen am weitesten geflogen ist.


Quellen: Endrei, Walter, Zolnay Laszlo: Spiele und Unterhaltung im alten Europa, Budapest 1986
Glonnegger, Erwin: Das Spielbuch, Ravensburg 1988
Hoffmann-Pieper, Kristina; Pieper, Hans-Jürgen: Das große Spectaculum, Münster, 1995
Woll, Johanna; Merzenich, Magret; Götz, Theo: Alte Kinderspiele, Ulm 1988
Archäologischer Park Xanten: So spielten die Alten Römer, Xanten 1991
Schmieglitz-Otten: Alte Kinderspiele, Celle 1990 Kirsch, Eberhard: Archäologische Spielzeugfunde des 13. bis 18. Jahrhunderts; In: Jahrbuch des Stadtmuseums IX, Berlin 1998.